
Nichts zu sagen.
Aber ich hab doch gar nichts zu sagen.
Es ist ein zugleich trauriges wie auch bemerkenswertes Phänomen: Frauen neigen häufig dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen (wie man so schön sagt). Wir machen uns kleiner, als wir sind, wir spielen Erfolge herunter, wir sind selten stolz auf uns. Immer wieder höre ich im beruflichen Kontext folgenden Satz: „Ja, aber wir finden keine Frau für die Podiumsdiskussion / für das Impulsreferat / für die Motivationsrede (fügen Sie hier beliebige weitere Beispiele ein).“
Gott sei Dank stelle ich fest, dass jüngere Generationen couragierter und klarer im Auftreten sind. Somit stelle ich die These auf, dass es wohl eine erlernte Zurückhaltung der letzten Jahrzehnte war, die Frauen dazu brachte, sich weniger zuzutrauen. Vermutlich, weil sie immer wieder die Erfahrung gemacht haben, überhört oder belächelt zu werden. Frauen müssen oft ihre ganze Energie bündeln, um den Schritt in die Sichtbarkeit zu machen.
Sichtbarkeit. Ein interessantes Wort, das mir erst seit kurzem immer wieder begegnet. Ich mag es. Sich sichtbar machen. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Und hier kommt der nächste Stehsatz (dieser wohlgemerkt von Frauen selbst formuliert): „Ich habe doch gar nichts zu sagen.“ Im Sinne von: Ich bin nicht wichtig. Im Sinne von: Ich habe nichts beizutragen. In diesem Glaubenssatz war ich selbst sehr lange gefangen. Sich daraus zu lösen, braucht Kraft, Überzeugung und sehr oft gute Freunde. Menschen, die einen stützen. Menschen, die wissen, dass dieser Glaubenssatz – Verzeihung – Bullshit ist.
Seit einigen Tagen lese ich aufgrund einer Empfehlung einer Freundin das Buch How to own the Room von Viv Groskop. Ich bin erst bei 23 % und kann daher noch kein Resümee liefern. Aber schon bei 6 % war mir klar: Dieses Buch sollte jede – in Worten JEDE – Frau gelesen haben. Egal, ob sie einen Raum einnehmen will oder nicht. Es ist eine Lektion darin, sich aufrecht ins Leben zu stellen, zu seinen Überzeugungen zu stehen und diese zu formulieren. Auch wenn Sie keine Rednerin sind, keine Politikerin, keine Firmenchefin oder sonst eine irgendwie geartete Öffentlichkeit bedienen. Jede von uns hat etwas zu sagen! Und zwar jede Menge.
Dies ist ein Plädoyer dafür, lauter zu sein, als Sie es bisher waren. Es ist ein Plädoyer dafür, Ja zu sagen, wenn Sie gefragt werden. Fangen Sie an, zu wirken. Denken Sie nicht länger nach. Hören Sie auf, nach Ausreden zu suchen (die es gar nicht gibt).
Denn wenn wir eines alle gemeinsam haben, dann ist es genau das: eine Stimme. Und diese Stimme verdient es, gehört zu werden.



