Kein Platz am Tisch.

Warum Frauen an der gläsernen Decke scheitern.

Ich mag Wörter. Man kann sie gezielt und facettenreich einsetzen. Das richtige Wort zu finden, um dem, was man eigentlich sagen möchte, Ausdruck zu verleihen, ist beinahe eine Superkraft.

„Gleichberechtigung“ ist zum Beispiel ein Wort. Es findet sich in vielen Unternehmensleitbildern und Presseerklärungen. Oftmals ist damit die Gleichstellung von Männern und Frauen gemeint. Doch das Wort Gleichberechtigung ist häufig mit rein formaler oder politischer Gleichbehandlung verknüpft. Tatsächlich geht es um Wahrnehmung und Anerkennung, es geht darum, Zugang zu haben und es geht um Gerechtigkeit.

Frauen sehen sich in der Arbeitswelt häufig mit widersprüchlichen Erwartungen konfrontiert: Wir müssen stark sein, aber nicht zu fordernd. Wir sollen selbstbewusst auftreten, dürfen dabei aber nicht überheblich wirken. Engagiert sein wäre erwünscht, aber bitte nicht unangenehm auffallend. Möchte eine Frau in eine Führungsposition gelangen, wandelt sie oft auf einem schmalen Pfad. Und das unter Bedingungen, die strukturell gegen sie arbeiten.

Die Unsichtbare Hürde

Sitzungstische, an denen hauptsächlich Männer Platz nehmen. Entscheidungen, die in Netzwerken getroffen werden, zu denen Frauen kaum Zutritt haben. Kommentare, die Männer als „zielstrebig“ und Frauen als „herrisch“ oder „emotional“ abstempeln. Das alles sind keine Ausnahmen, sondern Alltag für viele berufstätige Frauen, selbst (oder gerade) in höheren Positionen.

Frauen wird von Beginn an beigebracht, wie sie sich zu benehmen haben – oft subtil, manchmal ganz direkt: Sei höflich, sei nett, störe nicht. Während Männer für ihr Durchsetzungsvermögen gelobt werden, gelten Frauen mit gleicher Haltung schnell als unangenehm, zu laut, zu kompliziert. Das Resultat: Frauen müssen sich mehr anstrengen, um die gleiche Anerkennung zu erhalten. Daneben müssen sie lernen, die richtigen Stimmlage zu treffen und der Zeitpunkt, der Wortmeldung will ebenfalls gut überlegt sein. Dabei ist das Ringen um Sichtbarkeit und Wertschätzung kein kurzfristiger Kraftakt, sondern ein Marathon über Jahre mit ständig wechselnden Regeln. Regeln, die oftmals Männer festlegen.

„Richtig“ sein – aber wie?

Die gesellschaftliche Prägung schlägt hier im Erwachsenenalter nochmal richtig durch. Schon in der Kindheit lernen Mädchen, sich anzupassen, Konflikte zu vermeiden und ruhig zu sein. Diese Muster wirken im Berufsleben fort. Frauen, die nicht dem Bild der „idealen Kollegin“ entsprechen, die zu laut, zu ehrgeizig oder zu emotional wirken, werden ausgebremst. Jene, die sich anpassen, werden übersehen oder gelten als formbar. Das Dilemma: Es gibt kaum eine richtige Art, Frau zu sein, wenn man führen möchte.

Die schleichende Selbstaufgabe

Viele Frauen starten motiviert und ambitioniert ins Berufsleben. Doch mit den Jahren werden sie ruhiger. Sie nehmen sich immer mehr zurück, weil sie feststellen, dass ihre Bemühungen nicht den gleichen Erfolg bringen wie bei männlichen Kollegen. Sie geben auf, nicht aus Schwäche, sondern aus Resignation. Denn wozu kämpfen, wenn der Erfolg ausbleibt oder noch schlimmer, das Selbstbewusstsein und der Selbstwert darunter leiden und man sich immer mehr zu hinterfragen beginnt.

Es reicht nicht, Frauen zu „ermutigen“, lauter zu sprechen oder sich mehr zuzutrauen. Das Problem liegt nicht im Verhalten der Frauen – sondern in den Strukturen, in den unausgesprochenen Regeln, in den über Jahrzehnte gewachsenen Unternehmenskulturen.

Männer, es liegt jetzt an euch!

Frauen sind gut ausgebildet und bereit, Verantwortung zu übernehmen. Sie wollen mitgestalten, führen und etwas bewegen. Dabei möchten sie ihr Frau-sein leben und gerade auch dafür Wertschätzung erhalten. Doch was ihnen im Weg steht, sind keine fehlenden Fähigkeiten, sondern die gläserne Decke, die immer noch über ihnen schwebt. Und genau hier kommt eine zentrale Wahrheit ins Spiel: Es liegt jetzt an den Männern zu helfen, diese zu durchbrechen.

Ob als Kollege, Abteilungsleiter, Geschäftsführer oder Teamleader. Männer haben in den meisten Unternehmen nach wie vor die strukturelle Macht. Das bedeutet nicht Schuld. Es bedeutet Verantwortung. Denn Veränderung passiert nicht, indem Frauen sich anpassen oder verbiegen – sie passiert, wenn Männer anfangen, hinzusehen, zuzuhören und mitzugestalten.

Fünf konkrete Hebel für Männer:

  1. Hört Frauen wirklich zu. Fragt nach ihren Erfahrungen. Und glaubt ihnen, wenn sie von Hürden berichten, die ihr selbst vielleicht nie erlebt habt.
  2. Reicht Kolleginnen das Wort weiter, unterbrecht nicht und unterstützt aktiv, wenn ihre Ideen ignoriert oder anders verpackt von anderen wiederholt werden.
  3. Empfehlt qualifizierte Frauen für Projekte, Führungsaufgaben oder Weiterbildungen. Nicht nur weil sie Frauen sind, sondern weil sie es können.
  4. Lebt eine neue Führungskultur vor: partnerschaftlich, empathisch und offen. Junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schauen zu und übernehmen diesen Führungsstil.
  5. Niemand ist ohne Fehler. Weder Männer noch Frauen. Jede und jeder darf und soll Eigenheiten besitzen, die ihn oder sie ausmachen. Wichtig ist der gegenseitige Respekt, die Wertschätzung und die Bereitschaft, dazuzulernen.

Die gläserne Decke ist keine Einbildung, sie existiert. Wir haben gelernt, daran zu stoßen und irgendwie weiterzumachen. Aber wenn wir es wollen, könnte sie durchlässig werden.

Was Frauen brauchen, ist keinen weiteren Appell, lauter zu werden, sondern einen Platz am Tisch. Was Unternehmen brauchen, ist den Mut, alte Strukturen zu hinterfragen. Und was Männer brauchen, ist die Bereitschaft, ihre Rolle neu zu denken. Nicht als Verteidiger des Status quo, sondern als Verbündete für echte Veränderung.

Ich mag Wörter. Denn Worten folgen Taten. Und diese können Türen schließen oder Tische vergrößern.

Dies ist ein Plädoyer dafür, uns die Hände zu reichen. Es braucht Männer und Frauen in ihrer Vielfalt, mit ihren unterschiedlichen Blickwinkeln und Erfahrungen.

Denn die Herausforderungen unserer Welt sind zu groß, um sie nur mit der Hälfte des Potenzials anzugehen.

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