
Ist der Feminismus tot?
Warum wir neue Wörter brauchen, um voran zu kommen.
Vor einigen Tagen war ich mit einer guten Bekannten auf einen Kaffee. Wir haben über vieles gesprochen, das uns im Moment beschäftigt, und darüber, was wir gerne verändern würden. Sie hat mich gefragt, wofür ich mich ganz konkret einsetzen würde. Und neben vielen Themen, zu denen ich eine klare Meinung und Haltung habe gibt es etwas, das in mir wächst und immer lauter nach außen drängt: Es geht um die ungleiche Machtaufteilung zwischen Männern und Frauen. Worauf hin sie sagt: „Aber das interessiert ja niemanden mehr. Das Thema Feminismus ist tot.“
Ich habe mich nie als Feministin bezeichnet. Ich kann mit dem Wort nichts anfangen. Ebenfalls Wörter, mit denen ich wenig bis nichts anfangen kann sind: Powerfrau, Superwoman oder wahlweise Supermum, Empowerment und ähnliche Modewörter. Ich hab es in einem anderen Blogbeitrag („Kein Platz am Tisch“ – gerne lesen!) schon geschrieben: Ich mag Wörter. Wörter können Kraft haben und Dinge verändern, wenn man sie richtig einsetzt. Doch die eben genannten erfüllen für mich nicht den Zweck, um den es eigentlich gehen sollte. Nämlich jenen, dass Frauen im Job gesehen, anerkannt und wahrgenommen werden müssen. Und zwar vom meist männlichen Umfeld.
Ein Beispiel: Seit Jahrzehnten hört man von Frauen immer wieder, dass sie in Sitzungen oder Gesprächen von Männern unterbrochen werden – mitten im Satz, mitten in einer Idee, mitten in einem Gedankenfluss. Für viele klingt das vielleicht wie eine Kleinigkeit, doch diese Momente summieren sich zu einem ständigen Gefühl von Überhören und Übergehen. Weil dieses Muster so hartnäckig ist, wurde ein Wort dafür geprägt: Manterupting. Es beschreibt, wenn Männer Frauen in Gesprächen überdurchschnittlich oft unterbrechen, gerade in beruflichen oder öffentlichen Kontexten. Eine subtile, manchmal unbewusste Form von Machtausübung: Die Sprecherrolle der Frau wird verkürzt oder entwertet, während der Mann mehr Redezeit beansprucht. Eine Untersuchung der University of Michigan hat ergeben, dass Männer deutlich häufiger Frauen (71,8 %) als andere Männer (28,2 %) intrusiv unterbrechen.
Um ehrlich zu sein: Ich will mich nicht ständig „empowern“ müssen, nur um gehört zu werden. Ich will keine „Powerfrau“ sein, nur weil ich erfolgreich sein will oder tue, was ich gut kann. Und schon gar nicht sehe ich mich als Feministin, nur weil ich glaube, dass diese Wünsche selbstverständlich sein sollten. Vielleicht brauchen wir neue Wörter für alte Probleme.
Mir ist absolut bewusst, dass in den letzten 50 Jahren vieles passiert ist, wenn es um den Platz der Frau im Arbeitsleben geht. Wir haben uns von der reinen Hausfrau und Mutter zur Leistungsträgerin entwickelt, die ihr Wissen und Können auch außerhalb der eigenen vier Wände einsetzen will und kann. Mir ist absolut bewusst, dass über Jahrzehnte erlernte und an nächste Generationen weitergegeben Verhaltensmuster nicht von heute auf morgen aufzubrechen sind. Solange es aber eine Ungleichbehandlung gibt, werde ich nicht müde, darauf hinzuweisen. Und das macht mich am Ende doch zu einer Feministin.
Dies ist ein Plädoyer dafür, einander aktiv zuzuhören und antrainierte Wörter zu verabschieden. Nur durch gegenseitiges Wahrnehmen und Verstehen wird es Veränderung geben.
Denn Zuhören ist manchmal lauter als Reden.


